24 March 2026, 14:08

Wie Nurejew vom Bolschoi-Ballett zum politischen Symbol wurde

Eine Ballerina in einem weißen Tutu und Spitzenschuhen tanzt auf der Bühne, während das Publikum zusieht, mit einem Burgenbild im Hintergrund.

Wie Nurejew vom Bolschoi-Ballett zum politischen Symbol wurde

Das Ballett Nurejew feierte 1995 Premiere – nur wenige Monate nach der Versteigerung des Nachlasses von Rudolf Nurejew – am Berliner Staatsballett. Die Produktion zeichnet den Weg des legendären Tänzers nach, von seinen frühen Jahren in Leningrad über seine spektakuläre Flucht bis hin zu seinem weltweiten Ruhm. Fast drei Jahrzehnte später reicht die Geschichte des Stücks weit über die Bühne hinaus und ist eng verwoben mit Russlands sich wandelnder politischer Landschaft.

Ursprünglich wurde das Ballett 2017 am Moskauer Bolschoi-Theater uraufgeführt, eine Zusammenarbeit des Choreografen Juri Possochow mit dem Regisseur Kirill Serebrennikow. Die Bühnengestaltung war geprägt von persönlichen Symbolen: männliche Akte alter Meister, Thonet-Stühle, Sofas von Maria Callas und sogar Nachbildungen von Nurejews italienischer Insel. Doch Serebrennikow, bereits unter juristischem Druck, konnte die russische Premiere nicht besuchen. Später wurde er wegen Untreue verurteilt und ließ sich schließlich in Berlin nieder.

Der erste Akt der Produktion fängt Nurejews Trotz und Genie eindrucksvoll ein – von seinem strengen Training unter Alexander Puschkin bis zu seinem Sprung in die Freiheit in Frankreich. Der zweite Akt, obwohl glitzernd und gespickt mit Anspielungen auf seine ikonischen Rollen, vermag die emotionale Wucht des ersten nicht ganz zu halten. Das Ballett endet mit einem stillen, beklemmenden Bild: Nurejew, gebrechlich und mit einem weißen Turban, dirigiert die letzten Takte seines Lebens, bevor die Bühne in Dunkelheit versinkt.

Russlands politisches Klima hat seitdem das Schicksal des Stücks geprägt. 2023 verbot das Bolschoi-Theater Nurejew im Rahmen von Gesetzen gegen die "Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen". Die Repressionen folgten breiteren Einschränkungen der künstlerischen Freiheit, die sich nach der Invasion der Ukraine 2022 noch verschärften. Possochow, in der ukrainischen Stadt Luhansk geboren, heute jedoch US-Bürger, arbeitet weiterhin in Russland – ohne öffentliche Stellungnahme. Serebrennikow hingegen sieht sich weiterhin Repressionen ausgesetzt, ein Schicksal, das viele regierungskritische Künstler teilen. Viele von ihnen, wie die für die Biennale Venedig 2022 vorgesehenen Teilnehmer, zogen sich zurück, statt staatlichen Auflagen nachzukommen.

Heute wird Nurejew in Berlin aufgeführt – fernab des Theaters, in dem es einst Premiere feierte. Die Geschichte des Balletts spiegelt sowohl den Widerstandsgeist seines Protagonisten als auch die zunehmende Kontrolle über Russlands Kulturszene wider.

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Das Verbot von Nurejew markiert ein weiteres Kapitel im Schwinden künstlerischer Freiheiten in Russland, wo Werke mit staatlich vorgegebenen Normen kollidieren. Das Ballett wird nun in Berlin gezeigt, und seine Themen von Rebellion und Exil hallen weit über die Bühne hinaus nach. Für die Beteiligten – von Possochow bis Serebrennikow – zeigt das Schicksal der Produktion die Risiken auf, die mit künstlerischem Schaffen unter politischem Druck einhergehen.

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