04 April 2026, 16:09

Ein Leben zwischen Folter und Versöhnung: Thomas Frauendiensts Martyrium im Heim

Offenes Buch mit Titelseite für "Todesursachenregister, Erster Weltkrieg" mit Mikroformbezug C-1763.

Ein Leben zwischen Folter und Versöhnung: Thomas Frauendiensts Martyrium im Heim

Thomas Frauendienst kam am 23. März 1964 mit angeborenen spastischen Klumpfüßen zur Welt. Noch in derselben Nacht wurde er in das Johanna-Helene-Heim in Volmarstein gebracht – einen Ort, an dem er jahrelang systematischen Misshandlungen ausgesetzt war. Seine Geschichte ist eine von extremem Leid, aber auch von Überleben und der späteren Versöhnung mit seiner Vergangenheit.

Von Geburt an war Frauendienst im Hausbuch der Einrichtung unter der Nummer 2033 in der Rubrik "Kinder in Sonderbetreuung" erfasst. Das Personal des Heims, darunter Schwestern und ein Chefarzt, unterzog ihn wiederholter Vergewaltigung, Hungerkuren und erzwungenem Erbrechen. Im Laufe der Jahre durchlitt er mehr als 80 Operationen, von denen er viele später als unnötig und traumatisierend beschrieb.

Der Missbrauch beschränkte sich nicht auf körperliche Gewalt. Ein Vorfall im Jahr 1968 offenbart das ganze Ausmaß der Grausamkeit: Eine Diakonisse drohte, die Misshandlungen aufgedeckt, woraufhin Frauendiensts Familie ihn endlich zu sich nahm. Er wurde seinen Eltern und einer Familienfreundin, Ingrid, übergeben, die seine stetig wachsenden Arztkosten übernahm. Trotz emotionaler Distanz versöhnte er sich später mit ihnen, noch vor ihrem Tod.

Jahrzehnte nach seinem Martyrium erhielt Frauendienst von der Diakonie Rheinland/Westfalen-Lippe eine Entschädigung von 5.000 Euro für die erlittene sexuelle Gewalt. Sein Fall gehörte zu denen, die von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (KIKA) der Evangelischen Kirche sowie vom Landesbeauftragten Nordrhein-Westfalens untersucht wurden. Eine umfassendere Studie ergab später, dass rund 20 Prozent der Jugendlichen in NRW-Einrichtungen jener Zeit missbräuchliche Medikamentenpraktiken erleben mussten.

Cashback bei deinen
Lieblingsrestaurants und Services

Kaufe Gutscheine und spare in deinen Lieblingsorten in deiner Nähe

LiberSave App auf Smartphones

Offizielle Unterlagen belegen, dass zwischen 1947 und 1967 im Johanna-Helene-Heim keine weiteren Kinder formal als Opfer systematischer Gewalt registriert wurden. Dennoch bleibt Frauendiensts Schicksal ein dokumentiertes Beispiel für den Missbrauch, der hinter verschlossenen Türen stattfand.

Sein Leben steht für die Brutalität institutioneller Gewalt wie auch für den langen Weg zur Anerkennung. Die Entschädigung, wenn auch bescheiden, zählt zu den wenigen offiziellen Würdigungen des Leids, das Kinder in solchen Einrichtungen erdulden mussten. Der Fall unterstreicht zudem die anhaltenden Bemühungen von Kommissionen und staatlichen Stellen, historische Missstände in Fürsorgesystemen aufzuarbeiten.

Quelle