Theatertreffen und Nestroy-Preis: Wie zwei Prestige-Events an Glaubwürdigkeit verlieren
Jana HerrmannTheatertreffen und Nestroy-Preis: Wie zwei Prestige-Events an Glaubwürdigkeit verlieren
Deutschlands Berliner Theatertreffen und Österreichs Nestroy-Preis – einst gefeiert für ihre Exzellenz – stehen zunehmend in der Kritik. Beide Veranstaltungen haben an Prestige eingebüßt, es häufen sich Vorwürfe der Vetternwirtschaft und sinkender Qualitätsstandards. Die diesjährigen Auswahlentscheidungen haben die Zweifel an ihrer Bedeutung nur noch verstärkt.
Das Theatertreffen, einst ein Höhepunkt des europäischen Theaters, ist zu einer kaum noch beachteten Veranstaltung geworden. Kritiker werfen ihm vor, in einem abgeschotteten Zirkel zu agieren – selbst die verpflichtende 50-Prozent-Quote für Regisseurinnen konnte den Ruf nicht wiederherstellen. Selbst herausragende Produktionen wie "Der Hauptmann von Köpenick" aus Cottbus erhielten keine Einladung nach Berlin.
Ähnlich verhält es sich in Österreich. Der Nestroy-Preis, die höchste Theaterauszeichnung des Landes, hat an Glaubwürdigkeit verloren. Julia Riedler gewann zwar den Preis für die "Beste weibliche Hauptrolle" in "Fräulein Else", doch die Inszenierung von Leonie Böhm wurde weitgehend kritisiert. Kein österreichischer Regisseur schaffte es in diesem Jahr, sowohl den Nestroy als auch eine Einladung zum Theatertreffen 2024 zu erhalten.
Das Problem geht über Einzelpreise hinaus. Ein eng verflochtenes, fast familiäres Netzwerk dominiert das postdramatische Theater – exemplarisch hierfür stehen die Münchner Kammerspiele und ihr ehemaliger Intendant Matthias Lilienthal. Kay Voges, der nach fünf schlecht rezipierten Jahren als Direktor des Wiener Volkstheaters abberufen wurde, räumte in der Spielzeit 2024/25 sowohl in Berlin als auch in Wien ab – doch sein Wechsel nach Köln stand unter massivem Druck der Kritik. Einziger Lichtblick des Festivals bleibt Milo Rau, nachdem Jan Goossens mit seiner gescheiterten Intendanz für Negativschlagzeilen sorgte.
Theatertreffen und Nestroy-Preis agieren mittlerweile isoliert, losgelöst von übergeordneten künstlerischen Maßstäben. Ihre Auswahl wirkt zunehmend willkürlich, geprägt von abgeschotteten Seilschaften statt von Qualität. Ohne grundlegende Reformen drohen beide Veranstaltungen weiter in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen.
