Gastarbeiter-Generation: Zwischen unerfüllten Träumen und psychischen Belastungen im Alter
Tim PetersGastarbeiter-Generation: Zwischen unerfüllten Träumen und psychischen Belastungen im Alter
Vor über 60 Jahren warb Deutschland im Ausland Arbeitskräfte an, um den Fachkräftemangel nach dem Zweiten Weltkrieg zu beheben. Darunter waren auch die Eltern des Komikers Fatih Çevikkollu, die mit der Absicht einreisten, irgendwann in ihre Heimat zurückzukehren. Ihre Geschichte steht exemplarisch für die Herausforderungen, mit denen ältere Migrantinnen und Migranten konfrontiert sind – von unerfüllten Erwartungen bis hin zu psychischen Belastungen im Alter.
Fatih Çevikkollus Eltern kamen in den 1960er-Jahren als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland. Sein Vater, ein gelernter Schlosser, und seine Mutter, eine ausgebildete Grundschullehrerin, wollten eigentlich nur vorübergehend bleiben. Doch als Deutschland in den 1970er-Jahren das "Rotationsprinzip" aufgrund anhaltenden Fachkräftemangels und wirtschaftlicher Instabilität in der Türkei aufgab, änderten sich ihre Pläne.
Für Çevikkollus Mutter gestaltete sich der Neuanfang schwierig. Da sie ihren Lehrerberuf nicht ausüben konnte, arbeitete sie als Näherin – ein Wechsel, den ihr Sohn später als "Statusverlust" beschrieb. Im Alter lebte sie allein und entwickelte psychotische Symptome. Ihr Schicksal ist kein Einzelfall: Viele ältere Migrantinnen und Migranten leiden unter Einsamkeit, die psychische Probleme zusätzlich verschärfen kann.
Doch der Zugang zu psychiatrischer Versorgung bleibt für diese Gruppe begrenzt. Nur etwa zehn Prozent der über 65-Jährigen mit Migrationshintergrund erhalten eine Behandlung in psychiatrischen Kliniken. Expertinnen und Experten verweisen auf kulturelle Unterschiede im Krankheitsverständnis, die Diagnose und Therapie erschweren. Viele Betroffene meiden Hilfe aus Angst vor Sprachbarrieren, Stigmatisierung oder Misstrauen gegenüber dem System.
Fachleute aus dem Gesundheitsbereich betonen die Notwendigkeit kultursensibler Ansätze. Interkulturelle Schulungen für Ärztinnen, Ärzte und Therapeuten könnten das Verständnis und den Zugang verbessern. Der Ausbau spezialisierter Angebote – etwa mehrsprachige Beratung und gemeindenahe Unterstützung – gilt als entscheidend, um die Versorgungslücke zu schließen.
Die Geschichte von Çevikkollus Familie zeigt, wie sehr Migration das Leben älterer Generationen langfristig prägt. Ohne gezielte Unterstützung bleiben viele von Isolation und unbehandelten psychischen Erkrankungen betroffen. Der Ausbau interkultureller Gesundheitsdienste bleibt daher unerlässlich, um ihnen die notwendige Hilfe zukommen zu lassen.






